Spiritualität

Impuls : 5. Ostersonntag

 

Realitäten sind nicht selten erschreckend und lähmend…

Heute Morgen bekam ich die Nachricht von einem guten Bekannten, dass sein Bruder sich das Leben genommen hat: er hinterlässt seine Frau, fünf Kinder und – viele offene Fragen…

Da muss man erst einmal durchatmen… die mitschwingende Verzweiflung… Hilflosigkeit… Antwortlosigkeit …

Vielleicht hat der ein oder die andere hier auch in der Begegnung mit der Realität von Tod ähnlich schreckliches erfahren – jedenfalls machen wir in der Trauerarbeit bei uns immer wieder die Erfahrung, dass die Realität eines bestimmten Sterbens den standfesten Boden unter den Füßen nimmt und Erschrecken, Niedergeschlagenheit, ja Orientierungslosigkeit, Perspektivlo-sigkeit... mit sich bringt

 

Das Rettungsschiff „Sea-Watch 4“ hat im Mittelmeer in den letzten Tagen 455 Migranten in Seenot gerettet und an Bord genommen. Die Ocean Viking der Organisation SOS Méditerranée hat 230 Flüchtlinge z.Z. an Bord und darf nun in Augusta auf Sizilien den Hafen anfahren. In der letzten Woche am 22.4. sind 130 Flüchtlinge, die in mehreren Schlauchbooten, im Meer trieben, vor Tripolis ertrunken – man fand, als die Sea Watch aufgrund der Notsignale eintraf, nur noch schwimmende Leichen, so wie in der Woche davor – vor Tunesiens Küste, wo ein Boot mit 41 Menschen kenterte.

In den großen Fluchtbewegungen unserer Zeit, versuchen einige auch das sichere Europa zu erreichen – und sterben an den Grenzen – oder überleben, weil sie von engagierten Initiativen gerettet werden.

Eine Realität unserer Tage: erschreckend und lähmend…

 

Die biblische Erfahrungsgeschichte lässt kaum eine menschliche Realität aus. Die Geschichten und Erzählungen sind keine „Schönwetterberichte“ oder „golden letters“ Sie kündet von erschreckenden und lähmenden Realitäten – aber: sie kann dabei nicht stehen bleiben und endet daher nicht damit.

Denn es kommt die Erfahrung ins Spiel: da gibt es jemanden, der erdrückende Realitäten aufbricht. Und das verbindet sich mit Hoffnungsgeschichten / mit dem Erleben: das, was ist – ist nicht alles!

Das Volk Israel macht Fluchterfahrungen: Das Erleben knechtender, men-schen- und freiheitverachtender Sklaverei und Ausbeutung – bleibt nicht die bestimmende Realität. Es gibt da jemanden, dem liegt an der Würde und Freiheit seiner Menschen – und so wird der Exodus Israels aus Ägypten – eine zentrale Hoffnungserfahrung der gläubigen Menschen. Daher steht diese Hoffnungsgeschichte als lebendige Erfahrung noch heute im Mittelpunkt für unsere älteren jüdischen Glaubensgeschwister – und für uns in der Verbundenheit: bis heute zentrales Element der Osternacht!

 

Der erschreckenden Flüchtlingsrealität unserer Zeit setzt die biblische Erfahrung Gegenentwürfe entgegen:

Angefangen von der Schöpfungsgeschichte, die die Würde aller Geschöpfe Gottes -besonders jedes Menschen - ausdrückt und markiert – bis hin zu den prophetischen Einwürfen, die immer dann „laut werden“, wenn Menschen einer Ideologie, einer Abgrenzung, einem Missbrauch ihrer Würde geopfert / ausgeliefert werden...und wenn Gottvergessenheit etwas anderes an seine Stelle setzt: ob das dann „Sicherheit“ / „nationales Wohl“ / „Lebensstandard“ - oder wie auch immer heißt.

 

Der tragischen und immer wieder erschreckenden Realität von Sterben und Tod – setzt die biblische Erfahrung eine einmalige Erfahrung entgegen:

Es ist noch nicht solange her, dass wir mit Ostern – der todsicheren Realität des Sterbens und Todes – auch eine Hoffnungsgeschichte zur Seite stellen konnten:

Gott selbst hat sich nicht geschont – so bekennen wir – in die Tiefe des Todes zu gehen… - und dann bricht sich – langsam, aber gewaltig hoffnungsvoll – die österliche Erfahrung Bahn: es gibt ein neues und anderes Leben jenseits der realen Todesgrenze: das Grab / der Tod – diese – oft so erschreckende Erfahrung – ist nicht das Letzte! Gläubig sind unsere Klagen, radikalen Anfragen, unsere Hilflosigkeit und Verzweiflung nicht negiert – wohl aber eingebettet in die österliche Hoffnungserfahrung, die uns eben nicht Hoffnungslos zurücklässt: trotz allem / in allem.

Die biblischen Einsprüche als Gegenentwürfe / als Hoffnungsgeschichten / als Utopie

- schaffen ein „Aushalten-können“, weil sie vor Resignation bewahren

- sie schaffen einen Widerstand“, weil sie zum wider stehen aufrufen, gegenüber dem, was sich als „unveränderlich“ (es ist, wie es ist: schlecht und unrecht) ausgibt

- und sie schaffen „Veränderung“, weil die göttliche Wirklichkeit / das „Reich Gottes“ - einen andere Haftpunkt schaffen, der anders sehen / handeln und leben lässt.

 

Das Bild von der Einheit von Rebe und Weinstock im heutigen Evangelium – ist

der jesuanische Ausdruck für die umgesetzte Realutopie eines menschlich realen Lebens in Verbundenheit mit der göttlichen Realität und dem, was das Reich Gottes skizziert bzw. ausmacht auf dem Hintergrund der Botschaft und des Lebens Jesu.

 

Schön, wenn es uns gelingt – als Gläubige – so etwas wie die Weintrauben / die Reben unserer Zeit zu sein.

Das kann manchen Realitäten einen befreiend- hoffnungsvoll anderen Geschmack geben...

                                                                                         (L.E.)