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Osteransprache zu Mt. 28, 1-10 

(2026 Ludger Ernsting)

Wer von Euch / Ihnen kennt keine Angst? 
Als kleiner Junge hatte ich Angst, wenn ich – allein – die Kellertreppe herunter in den spärlich beleuchteten Keller musste, wo hinter dem Apfelregal absolut dunkler Schattenraum war, wo die Schritte anders klangen und wo es im Halbdunkel still war,
so dass ich oft gesungen habe oder gepfiffen, wenn ich in diesen Angstbereich musste…

Als junger Mensch hatte ich Angst vor den Waffenarsenalen der Großmächte rechts und links von uns und als dann noch – im sogenannten „Overkill“ - nachgerüstet werden sollte – hat mich die Angst auf die Straße getrieben… zu den großen Friedensdemonstrationen…- aus Angst vor Zerstörung und Vernichtung...

Mit der Mitte meines Lebens bekam ich immer mehr Angst vor der Rückkehr des Faschismus im Denken, in den Worten und Taten von Mitbürgern in unserem Land… Ich hatte guten Geschichtsunterricht und in der Familie war der Nationalsozialismus und das, was er mit sich gebracht hatte, ein offenes und klares Thema. Rechtsradikalität machte und macht mir Angst…

Und in der letzten Zeit – erlebe ich – verdichtet - Angst um meine kranken Geschwister…
Angst: sie geht mit durch´s Leben- wenn auch unterschiedlich jeweils für den einzelnen und mit einem wechselnden Gesicht in den jeweiligen Lebensphasen:
- Angst um die Partnerschaft
- Angst um ein eigenes Kind ( klein oder groß ) in seiner / ihrer Entwicklung
- Angst,einer beruflichen Herausforderung oder Veränderung nicht gewachsen zu  sein

- Angst um eine Welt, die in Blick auf die Schöpfung sich selbst ruiniert
- Angst um die Demokratie in unserem und in anderen Ländern
- Angst vor einer globalen Kriegsentwicklung angesichts der unberechenbaren staatlichen Lenker in Peking, Moskau und Washington
- Angst, gerade im Augenblick unserer Zeitwirklichkeit mit verdichteten Angstfaktoren..., als Teil von menschlichem Leben:
  ich glaube, sie geht letztlich an keinem vorüber.

Dieser Morgen ist anders: das sagen wir / das feiern wir / das beten wir.
Können wir das glauben, dass die Osterbotschaft irgendetwas anders macht?
Das ist keine rhetorische Frage, sondern eine existentielle – wenn dieser Morgen etwas mit unserer Existenz im wirklichen Leben zu tun hat. Psychoanalytiker – wie Fritz Riemann – oder Neurowissenschaftler – wie Gerald Hüther – sagen uns, dass Angst zum Leben dazugehört und es kein Leben ohne Angst gibt.

Die Angst, dass wir eine Bedrohung nicht rechtzeitig erkennen können / dass wir ihr ausgeliefert sind – keine geeigneten Mittel zur Hand haben, um das Bedrohliche abzuwenden -/ dass wir allein damit und darin sind – und nicht mehr weiter wissen: das einzeln oder geballt – löst ein gewaltiges Durcheinander in uns aus…
Die Wissenschaft sagt uns: Ängste lassen sich weder unterdrücken, noch verbieten, ignorieren oder vermeiden.
Ängste sind Katalysatoren, Helfer zur Bewältigung von Herausforderungen.

Der Mensch hat ein lernfähiges Gehirn – und wir sind als denkende, verständige Menschen - homo sapiens - in der Lage, Wege aus der Angst zu suchen und zu finden, was möglich, realistisch, sinnvoll und mit dem eigenen Leben vereinbar ist – in einer bestimmten Situation. Möglicherweise nicht auf Anhieb…

Es braucht Austausch darüber, Vertrauen, Mut auszuprobieren – und einen inneren Kompass mit dem man auf „DU“ ist – so die Fachwissenschaft.
Und jetzt werde ich „österlich“:
Wir haben es noch im Ohr: Im Evangelium fällt dazu ein wichtiger Satz: zu Anfang: „Ihr da- fürchtet euch nicht!“ – so der Engel zu den Frauen des Morgens und dann zum Ende: „Fürchtet euch nicht!“ – durch den auferstandenen Jesus selbst

Da ist das „DU“, das mitten in der Angst da ist – vielleicht wie ein Kompass.
365 mal soll in den biblischen Schriften das „Fürchtet euch nicht“ stehen – wenn man so will : als tägliches Brot durch´s Jahr – mit unserer Furcht und Angst.

Mit Jesus verbindet es sich sowohl am Anfang seines Lebens: „Fürchtet euch nicht…“ so verkünden -in der biblischen Tradition - Engel die Geburt den Hirten... mit diesem „Anfangssatz“:  – und in diesen Tagen im Kontext von Kreuzestod und Begräbnis Jesu– am Ende seines Lebens, wenn man so will und am Anfang – nach der  Wende zu einer anderen Daseinsweise Jesu – was wir mit Ostern bezeichnen – wieder:„Fürchtet euch nicht!“- wir haben es eben gerade im Evangelium gehört.

Das meint nicht: Habt keine Angst! Sondern das sagt uns: Ich bin da in der Angst!
Das „DU“ mitten in der Angst – von Lebensbeginn- durch´s Leben- bis zum Lebensende...das DU mitten in den Ängsten der Menschen, die ihm als einzelne oder Volk Gottes vertrauen...
Das „DU“, das mitten in der Angst da ist, dass ist so etwas wie das „trotzdem“. Du erlebst Beängstigendes, aber du bist dem – trotzdem nicht ausgeliefert / stehst ihm nicht allein gegenüber...
Angst ja:, aber das Unwahrscheinliche, das die Angst Durchbrechende ist nicht ausgeschlossen / ist im „DU“ da und – trotz aller Angst trotzt da ein trotzdem...
Das „DU“ schenkt uns die Fähigkeit - uns eine Zukunft vorzustellen, die uns zu Handelnden macht und nicht zu von Angst Gelähmten. Statt im Getroffen-sein von der Angst zu verharren, können wir aus dem „trotzdem“:Denken und Handeln. Es ist ein „DU“ mit da, das in Beziehung steht zum Verstandesgeist und das uns atmen lässt aus dem: ich bin bei Dir: Fürchte dich nicht.

Am Ende: wir haben keinen Anspruch auf Angstfreiheit. Wir werden mit ihr geboren. Der Grund, warum die Zukunft letztlich eine bessere Gegenwart werden kann als das Angst-machende Heute, liegt darin:  dass wir uns ängstigen und daraus eine andere Zukunft auf den Weg bringen.
Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt in der Osterausgabe der SZ im Interview mit ihm: Wem „Gott“ eine Krise gibt, dem gibt er auch Verstand – und ich ergänze österlich: dem gibt er auch sein „DU“ : seine Anwesenheit im „trotzdem“ zur Angst.
Damit sind wir am Anfang: Können wir glauben, dass das Osterfest irgendetwas anders macht? Ich glaube: Ja – Ostern ist der Anfang des Durchbruchs eines neuen Lebens.
Seit Ostern gilt: Ihr Freunde und Freundinnen von der Straße – belegt mit der Angst „die Letzten“ zu sein – vertraut dem „trotzdem“: der Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit und dem „DU“ – das Dir sagt: Und wenn du keinen Menschen hast -ich bin da…Auferstehung mitten im Abseits.

Seit Ostern gilt:  Mehmet Kubasik und Halid Yozgad – ihr  zwei von 10 Ermordeten des nationalsozialistischen Untergrundes, der NSU ,die ihr in diesen Tagen vor 20 Jahren am 4. und 6. April 2006 getötet wurdet– vertraut dem „trotzdem“: der Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit und dem „DU“ – das uns durch Euch sagt: es ist an der Zeit dem Leben zu dienen durch Widerstand gegen jeden Rechtsradikalismus, auch dem im Schafsfell der AFD…Auferstehung mitten im Dunkel.

Seit Ostern gilt: Bischof Heiner von Münster, Bischof Leo von Rom – ihr – und viele Verantwortliche in einer Kirche, die ängstlich oft die Türen geschlossen hält und dem Evangelium nicht traut, die mit der eigenen Schuld und Schuld gegenüber Menschen nicht heilsam und gut umgehen kann – vertraut dem „trotzdem“: der Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit und dem „Du“ – das euch sagt: „bei Euch soll es nicht so sein“. Auferstehung mitten im Übergang.

Seit Ostern gilt: Wir – in je unseren Ängsten : ob in persönlichen angstbesetzten Krisen des Lebens oder in Blick auf gesellschaftliche und globale Angstquellen – wir sind eingeladen : mit unserer Angst als Helfer zur Bewältigung von Herausforderungen - das „trotzdem zu wagen“ –: nachzudenken, sich auszutauschen, zu vertrauen und mutig auszuprobieren – es wird Ängste verändern, Gräber öffnen / es wird dem Leben dienen, weil wir dabei auch dem inneren Kompass trauen: dem Du, dem an unserem Leben liegt. Das ist – für den, der sich darauf einlässt - existentiell prägend und daher: Auferstehung mitten im Leben...

Dieser Morgen ist anders: das sagen wir, das feiern wir, das beten wir:

Frohe Ostern

 

 

 

 

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